Radeln mit Genuß

Liebliches Taubertal

Bisher gibt es nur zwei Radtouren, die vom ADFC mit der Höchstnote von 5 Sternen bewertet wurden, der Main-Radweg und das Liebliche Taubertal. Da wir große Teile des Mainradwegs schon mehrfach gefahren sind, lag es nahe, uns auch den anderen Prämium-Radweg vorzunehmen, denn das Beste ist für uns gerade gut genug.

Da wir im Raum Darmstadt wohnen, haben wir kurzerhand unsere Räder aufs Autodach gepackt und sind nach Aschaffenburg gefahren. Dort haben wir das Auto abgestellt und wollten mit dem Zug weiter nach Rothenburg fahren. Mit dem Bayernticket (29,- + 9,-€ für bis zu 5 Personen mit zwei Rädern) war das richtig günstig, denn das Ticket gilt in Bayern und in Baden-Württemberg. Zum Glück konnten wir das Ticket im Automaten kaufen, denn so haben wir einen Zug früher nehmen können und brauchten nicht noch eine Stunde warten.

Der Bahnhof in Aschaffenburg bietet zwar viele Möglichkeiten zum Essen und Trinken, aber für Radfahrer ist er nur bedingt geeignet, denn mit dem kleinen Fahrstuhl hätten wir unseren Zug nicht bekommen. Also hieß es, das voll gepackte Rad runter und rauf tragen. Leider gab es keine Schienen neben den Stufen. Egal, wir haben den Zug bekommen. Unsere Reise sollte bis Würzburg gehen. Sollte…

In Hodmesovasarhelykutasipuszta

Nach ungefähr 10 Minuten war die Reise schon wieder vorbei. Wir hielten in Partenstein. Dieser Bahnhof erinnerte mich an einen bekannten Film mit Liselotte Pulver, Piroschka. In dem Film spielt ein Bahnhof mit Namen Hodmesovasarhelykutasipuszta eine Hauptrolle und genauso sah es hier aus.

Es dauerte sehr lange, bis wir über die Probleme aufgeklärt wurden. Die Schaffnerin hatte sich irgendwo versteckt und war unauffindbar. Obwohl wir gar keinen Wind hatten, war offenbar ein Baum auf die Oberleitung gefallen. Komisch, der Zug eine Stunde vor uns konnte prima weiter fahren. Es muss vor wenigen Minuten einen sehr schlimmen Sturm gegeben haben, der regional begrenzt den einen Baum entwurzelt hat. Aber, so sagte man uns, der Notfall-Manager in München sei verständigt und wird sich kümmern. Wir sollten schon ´mal alle aussteigen, denn dieser Zug wird definitiv nicht weiter Richtung Würzburg fahren, sondern zurück nach Aschaffenburg. Außerdem seien Busse unterwegs, die uns zum nächsten Bahnhof bringen sollen. Ob diese Busse auch Fahrräder mitnehmen können und werden, war nicht zu ermitteln.

Zum Glück hatte ich beim Bahnhofsvorsteher eine Telefonat mitgehört und dabei erfahren, dass die Strecke wahrscheinlich in 15-20 Minuten wieder frei und befahrbar sein wird. Die Busse waren noch nicht da, aber die meisten Reisenden warteten auf dem Vorplatz. Sie ahnten noch nicht, dass die Busse nie kommen werden. Wir aber stellten uns schlauerweise mit unseren Rädern so auf, dass wir als eine der ersten den Zugang zum Bahnsteig hatten, um uns einen Platz im nächsten Zug aus Aschaffenburg zu sichern. Denn eines war klar, der Zug wird voll sein. Die Nachricht sprach sich wie ein Lauffeuer herum und es kamen immer mehr Fahrgäste zurück an das Gleis, während einige Reisende in unserem ursprünglichen Zug an uns vorbei zurück nach Aschaffenburg fuhren. Nach einer Viertelstunde kam der angekündigte Zug und wir wollten einsteigen, aber dieser Zug hatte eine so hohe Einstiegskante, dass es ohne die Hilfe des Schaffners nicht ging. Das Zugpersonal war natürlich überhaupt nicht informiert, dass hier mehr als 100 Fahrgäste mit vielen Rädern warteten und mitgenommen werden wollen. Trotz aller Probleme konnten wir unsere Reise nach Würzburg nun endlich fortsetzen.

Endlich in Würzburg

In Würzburg angekommen, brauchten wir erstmal ein kühles Pils. Außerdem wurde die Familie über die neuesten Entwicklungen informiert. Wir hatten etwas Zeit und so bot es sich an, außerhalb des Bahnhofs in Würzburg eine kleine Pause einzulegen. Jetzt war es nicht mehr weit nach Steinnach. Ob wir da noch einmal umsteigen werden, oder ob wir die letzten 15 Kilometer mit dem Rad zurück legen werden, wollten wir in Steinnach entscheiden. Pünktlich und ohne Probleme konnten wir unsere Reise fortsetzen.

 

Von Steinach nach Rothenburg o.d. Tauber

Angekommen in Steinach, beschlossen wir, die Fahrt mit dem Rad fortzusetzen, denn es war zwar etwas windig, aber sonst sehr schönes Wetter und außerdem haben wir genug Zeit im Zug verbracht. Wir brauchten dringend frische Luft. Über den Aischtalradweg waren es nur 15 km nach Rothenburg und es war noch früh am Nachmittag. Es war eine sehr schöne Fahrt durch eine wundervolle Landschaft. Es dauerte etwas, bis Rothenburg am Horizont auftauchte. Jetzt war die spannende Frage, ob mit schlimmen Steigungen zu rechnen war, denn immerhin liegt die Altstadt von Rothenburg ziemlich hoch „ob de Tauber“. Die Angst war unbegründet, denn die Steigung erfolgte sanft und langsam.

Wir hatten in Rothenburg ein Zimmer im Hotel Klingentor reserviert. Wir können diese Unterkunft sehr empfehlen. Das Hotel liegt sehr ruhig direkt an der Altstadtmauer. Man kann die Stadt von hier aus sehr gut zu Fuß erkunden. Das Ehepaar Wagenländer gibt sich viel Mühe, es seinen Gästen so angenehm wie möglich zu machen und das reichhaltige Frühstück läßt keine Wünsche offen. Am Nachmittag noch ein wenig ohne Rad durch die Stadt schlendern und am Abend ein leckeres Abendessen. Das war es dann, zumal es am Abend etwas zu regnen begann.

Entlang der Tauber bis Tauberbischofhofsheim

Wir haben gut geschlafen und freuen uns auf den Tag. Zwei zusätzliche Brötchen für unterwegs geschmiert und dann die Taschen packen. Ungefähr um 8.30 Uhr verabschieden wir uns. Ein Abschiedsfoto mit dem Genussradler-T-Shirt an der Stadtmauer und dann radeln wir steil bergab runter zur Tauber. Hier beginnt der Radweg. Für heute haben wir uns ca. 75 km vorgenommen.  Noch ist der Wind nicht erwacht. Hoffentlich bleibt es so.

Wir fahren fast immer direkt am Wasser. Die Beschilderung ist ausgezeichnet. Wir kommen gut voran. Die Sonne kommt raus und uns geht es gut. Die eine oder andere kleine Steigung ist auch dabei. Im Streckenprofil kann man nach ca. 20 km einige Hügel erkennen. Haben wir schon alle hinter oder kommen noch welche? Wir sind optimistisch.

So langsam kommt auch die Sonne raus und die immer wieder mal eingestreuten Steigungen bringen den Puls hoch und uns ins Schwitzen. In Elpersheim, kurz hinter Weikersheim machen wir eine kleine Pause und genießen unsere Brötchen. Eine Bank direkt am Wasser lädt uns zum Verweilen ein. In diesem kleine Ort gibt es ein Haus (im Bild hinten zu erkennen), das besonders liebevoll dekoriert wurde.  Nach einer kurzen Stärkung geht es weiter. Wir müssen ´mal wieder die Seite wechseln und fahren rechts der Tauber weiter. Der Wind ist zwischenzeitlich auch aufgewacht und macht uns das Leben nicht einfacher. Er weht natürlich von Vorn. Zum Glück scheint nachwievor die Sonne.

Jetzt wird es aber langsam Zeit für ein kühles Pils. Wir machen Rast beim Kleintierzuchtverein Markelsheim und werden freundlich bewirtet. Ein geschützter Platz in der Sonne und wir können uns von den Strapazen erholen, denn die Schulter schmerzt etwas.  Gegenwind und immer wieder Steigungen sind Gift für einen Genussradler.

Der nächste größere Ort ist Bad Mergentheim. Dort wollen wir uns die Altstadt ansehen und eine größere Pause einlegen.  

Es dauert nicht lange und wir haben Bad Mergentheim erreicht. Wir kannten den Namen der Stadt bisher nur vom ihrem tollen Wildpark. Der Markplatz ist wirklich schön und die alten Häuser sind rausgeputzt. Wir suchen nach einer Möglichkeit, ein weiteres Kaltgetränk zu erwerben, diesmal aber bitte aus dem Fass. Leider sind die Möglichkeiten begrenzt und wir beschließen, den Ort zu verlassen und unsere Suche außerhalb fortzusetzen.  

Diesmal haben wir Glück und finden im nächsten Ort einen Biergarten, der nur auf uns gewartet hat, denn weitere Gäste waren nicht anwesend. Es gibt nicht nur Pils vom Fass, sondern auch selbstgebackenen Apfelkuchen. Beiden schmeckt sehr gut. Hier kommen Genussradler zu ihrem Recht.  

Die Sonne hat sich inzwischen hinter den Wolken versteckt. Aber das ist nicht so schlimm, denn unsere Etappenziel ist nicht mehr so weit entfernt. Tauberbischofsheim ist nur noch ca. 10 km entfernt.

Etappenziel Tauberbischofsheim ist erreicht

Unsere Unterkunft liegt gleich am Orteingang. Wir werden schon erwartet. Frau Berberich zeigt uns das Zimmer und unsere Räder finden Platz in der großen Garage. Das Zimmer hat den Charme der 70iger, ist für den Preis aber o.k. (45 € inkl. Frühstück für 2 Personen) Wir wollen ja nur schlafen.

Ein kurzer Fußweg und wir haben die Altstadt erreicht.  Wir wussten von einem griechischen Restaurant in der Fußgängerzone, aber leider hatte er an dem Tag seinen Ruhetag. Wir schlenderten durch den Ortskern, tranken ein Frustbier und fanden das kleine, aber tolle Restaurant „Zum Türmle„. Wir waren von der Freundlichkeit und vor allem vom Essen begeistert. Ein wirklicher Geheimtipp in Tauberbischofsheim. Auch das Preis-Leistungsverhältnis stimmte. Ein ganz toller Laden. Untergebracht in einem Turm des Schlosses. Ansonsten ist diese Stadt Abends ab 20.00 Uhr toter als tot. Nichts los auf den Straßen und wir hatten Mühe noch eine Lokalität für einen Absacker zu finden. Aber, wer lange sucht,  bekommt auch noch ein Bier. Danach blieb uns nur noch ein kleiner Rundgang durch den Ort und dann ab in unser Quartier.

An nächsten Morgen stand das Frühstück (stilecht serviert auf dem beliebten 70iger-Jahre Teewagen DINETT) schon vor unserem Zimmer. Es fehlte wirklich nichts, sogar die selbstgemachte Himbeer-Marmelade hatte Frau Berberich nicht vergessen. Wir frühstückten ausgiebig und die überzähligen Brötchen wurden mit Wurst und Käse belegt und für die nächste Etappe verstaut. Wir packten unsere Taschen, holten unsere Ponys aus der Garage, bezahlten die Unterkunft und verabschiedeten uns von Frau Berberich.

Auf nach Wertheim

Der Wirt in dem Biergarten kurz vor Tauberbischofsheim hatte uns erzählt, dass noch einige kräftige Steigungen auf uns warten würden, bevor wir endlich Wertheim erreichen. Wir hatten bisher trotz Gegenwind alle Anstiege geschafft und ließen uns keine Angst machen. Zum Glück wußten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie Recht er haben sollte. Bis Wertheim waren es nur noch ca. 30 km. Was sollte da schon noch passieren?

Die Landschaft war nachwievor traumhaft schön und der Wind schien es heute auch besser mit uns zu meinen. Nach 10 km hatten wir noch keine nennenswerte Steigung gesehen. Der Wirt hatte sicher übertrieben.

Es war die Zeit der Volksfeste und in jedem zweiten Ort war etwas los. Aus diesem Anlass gab es natürlich überall Festbier.

Plötzlich ein Anstieg. Wenn das alles war… Aber leider folgten danach weitere Steigungen und  bei einigen mußten wir sogar absteigen und schieben.  Kein Vergnügen mit vollem Gepäck und bestem Sonnenschein. Gut, dass wir Getränke an Bord hatten. In diesen Momenten kamen uns Zweifel, ob das Taubertal wirklich so lieblich ist, wie uns versprochen wurde. Das machte keinen Spaß und war für Hardcore-Genussradler eigentlich ein NoGo.

Was uns aber wieder aufbaute, war die Tatsache, dass auch andere Radler so ihre Schwierigkeiten hatten und über die Steigungen schimpften. Es gab sogar Radler, die absichtlich die andere Richtung gewählt hatten und damit eigentlich ständig berauf fahren wollten. Wir trafen aber auch „Kollegen“, die schon am Anfang schieben mußten und noch gar nicht ahnten, welche Anstiege noch vor ihnen liegen würden. 

Belohnungs-Bier in Wertheim & keine Steigungen mehr

Die letzten 15 km waren nicht lustig und ziemlich anstrengend. Bei einem Radweg, der eigentlich nur bergab gehen sollte, hatten wir das nicht erwartet. In Wertheim angekommen, gab es erstmal ein Belohnungs-Bier auf dem wunderschönen Marktplatz. Jetzt waren es noch 40 km den Main entlang, aber hier kennen wir uns aus. Steigungen gibt es bis Miltenberg nicht mehr und das ist auch gut so.

Zum Glück bleiben die schmerzhaften Erinnerungen nicht so lange im Gedächnis, sondern die schönen Erlebnisse, von denen es reichlich gab, gewinnen an Bedeutung und treten in den Vordergrund.   

Hier in Wertheim fließt die kleine Tauber in den großen Main und direkt am Übergang gibt es einen hübschen Beach-Club. Aber wir haben keine Zeit und müssen weiter. Das Wetter wird immer besser und wir kommen gut voran.

Ein kurzer Stopp bei der Neueröffnung eines Möbelhauses – es wurde gegrillte Bratwurst gereicht – und weiter gehts vorbei an der Henneburg in Richtung Miltenberg. Wir fahren seit Wertheim auf der linken Mainseite, müssen aber in Mondfeld mit einer kleinen Fähre das Ufer wechseln.

Die Fähre fährt ständig hin und her, sodass es keine großen Wartezeiten gibt. Sie kostet 70 Cent pro Person mit Fahrrad.   

Nach wenigen Minuten ist die Fahrt schon wieder vorbei und wir können weiter. In Kirschfurt müssen wir noch einmal die Seite wechseln und über eine Brücke nach Freudenberg. Das ist die richtige Seite, wenn man der Altstadt von Miltenberg einen Besuch abstatten will. Es lohnt sich auf jeden Fall.

 

In Miltenberg wartet der Zug

In Miltenberg war gerade Michaelis Messe, ein großes Volksfest. Wir beschlossen, den Menschenmassen aus dem Weg zu gehen und gleich den Bahnhof aufzusuchen. Der Bahnhof in Miltenberg liegt allerdings auf der anderen Seite des Mains, also hieß es, wieder über die Brücke. Der Zug nach Aschaffenburg fährt jede Stunde und ein Kaffee in der Sonne verkürzte uns die Wartezeit. Die Fahrtkarte kostete 6,- € pro Person inkl. Fahrrad. 

 

In Aschaffenburg angekommen ging es eigentlich nur noch bergab zu unserem Auto, das direkt am Mainufer auf uns wartete. Gepäck in den Kofferraum, die Räder aufs Dach und los gings Richtung Heimat. Wir wollten uns zum Abschluß noch ein schönes Abendessen in Dieburg gönnen.

Eine aufregende, teilweise auch anstrengende Radtour über 154 km war zu Ende. Wir haben das Taubertal erobert und besiegt.

Im nächsten Jahr warten neue Aufgaben auf uns.

Ende.

 

 

 

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